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Guter Umgang mit großen Emotionen: Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten

Guter Umgang mit großen Emotionen: Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten

02.10.2019. 17:40
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Wie erziehe ich ein Kind richtig, das wilder, lauter und oft auch wütender ist als alle anderen? Auf unserem Stammtisch für getrennt erziehende Eltern am vergangenen Sonntag haben wir über einen Vortrag gesprochen, der letzte Woche in Köln stattgefunden hat und bei dem ich und einige Mütter aus unserer Runde zu Gast waren.  Nora Imlau, eine bekannte und erfolgreiche Eltern-Ratgeber-Autorin war zu Besuch in unserer Stadt. Denn gerade ist ihr neues Buch erschienen: „Du bist anders, du bist gut“. Nora selbst ist vierfache Mutter und ihr Vortrag war sehr persönlich und inspirierend.

„Gefühlsstarke Kinder“ sind die Kinder, die früher als "schwierig" oder "schwer erziehbar" bezeichnet wurden. Im besten Falle noch als "verhaltensoriginell". Sie werden oft als besonders impulsiv, wild und anstrengend wahrgenommen. Gleichzeitig sind sie häufig aber auch besonders sensibel und kreativ. Nora Imlau hat den Begriff „gefühlsstark“ geprägt – mit ihrem ersten Buch, das 2018 erschienen ist: „So viel Freude, so viel Wut.“ Darin erklärt sie, wie Eltern ihr Kind mit diesem ganz besonderen Temperament unterstützen und stärken können. 

Kinder mit großen Gefühlen brauchen von ihren Eltern große Unterstützung

Und genau darum ging es auch bei Noras Vortrag am vergangenen Donnerstag im studio dumont im Rahmen der Reihe „Elternwerkstatt“ vom Kölner Stadt-Anzeiger. Nora hatte sich für diese Veranstaltung mit ihrem Mann, ihrem Sohn und ihrem neun Wochen alten Baby auf den Weg von Leipzig nach Köln gemacht – und uns zunächst viel von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Denn sie selbst hat eine Tochter im Grundschul-Alter, die sie als „gefühlsstark“ beschreibt und die das Zusammenleben in der Familie oft zu einer besonderen Herausforderung macht. Vieles Kleines kann Auslöser für großes Drama im Alltag sein: Die nervigen Mathe-Hausaufgaben oder der Flummi, der hinter das Sofa gesprungen ist. Gefühlsstarke Kinder erleben Reize und Emotionen ungefiltert, können sich nur sehr schwer selbst regulieren und ecken deswegen in der Schule immer wieder an.

"Das Kind macht kein Drama. Es erlebt tatsächlich eines."  

Nora hat eine Stunde völlig frei und fesselnd gesprochen – vor mehr als 200 Leuten im Publikum. Sie hat uns mit auf die Reise in ihr eigenes Familienleben genommen und gleichzeitig Lösungsansätze vorgestellt. Im Kern geht es darum, ruhig zu bleiben, das Kind in seinen Emotionen wahr- und ernst zu nehmen und so gut wir eben können, für es da zu sein. „Unser Kind macht kein Drama, es erlebt aus seiner Sicht wirklich ein Drama. Auch wenn der Anlass für uns Eltern oder Außenstehende oft banal zu seien scheint“, das waren aus meiner Sicht die Kernsätze des Abends.   

Selbstregulation dürfen viele Kinder erst lernen - und manche Erwachsene auch

Dass diese Unterstützung im turbulenten Familienalltag nicht immer optimal gelingt, ist verständlich. Denn auch wir Erwachsene haben seit unserer Kindheit häufig Selbstkontrolle gelernt a la: Jetzt reiß dich aber mal zusammen – und nicht Selbstregulation. Wie gehe ich selbst mit meinen starken und vermeintlich negativen Gefühlen um wie Wut, Aggression und Traurigkeit? Nora Imlau sagt: „Viele Eltern erkennen sich selbst in meinen Büchern wieder und merken, dass sie selbst früher ebenfalls gefühlsstarke Kinder waren.“ Und sie haben oft sehr schnell gelernt, dass es nicht erwünscht ist, sich so zu verhalten. Dass das Umfeld mit wilden, ungestümen Emotionen meist nicht umgehen kann. 

Die erste Auflage von „So viel Freude, so viel Wut“  war bereits nach einem Tag ausverkauft, Noras Buch ist inzwischen ein Bestseller und hat sich rund 75.000 Mal verkauft. Das zeigt: Das Thema scheint Eltern unter den Nägeln zu brennen. Denn die Herausforderung, ein gefühlsstarkes Kind ins Leben zu begleiten, ist groß. Etwa jedes siebte bis zehnte Kind ist nach Schätzungen betroffen.

Eltern von gefühlsstarken Kindern fühlen sich oft einsam 

Die Autorin gab während ihres Vortrags in Köln zu:  „Ich wollte als Mutter alles richtig machen und mit meinem ersten Kind hat das auch ziemlich gut funktioniert. Bei meinem zweiten Kind war dann alles komplett anders. Als Mutter habe ich mich deswegen oft sehr allein gefühlt. Alle gut gemeinten Erziehungstipps von anderen, wie einfach nur mal konsequent zu sein, haben alles nur noch schlimmer gemacht. Irgendwann kam mir der Gedanke, mein  Kind sei vielleicht nicht normal oder ich sei eine schlechte Mutter.“

Doch dann stieß die Familienjournalistin zufällig auf das Buch „Raising your spirited child“ der US-Amerikanerin Mary Sheedy Kurcinka, die das Zusammenleben mit hochsensiblen und hochemotionalen Kindern beschreibt. „Es war eine riesige  Entlastung für mich, endlich einen Begriff an der Hand zu haben, der mein Kind beschreibt. Aber ich war trotzdem noch alleine. Ich kannte keine anderen Eltern aus meinem Umfeld mit einem ähnlichen Kind.“

Strafen und schimpfen helfen langfristig nicht weiter

Imlau setzte sich also an den Schreibtisch, recherchierte viel und passte das Konzept des spirited child auf unsere deutsche Lebenswelt an. „Ich finde den Begriff gefühlsstark so passend, weil er positiv und wertschätzend ist. Weil der die Stärken dieser Kinder im Blick hat.“

Der Leidensdruck der Eltern ist groß, denn diese merken sehr schnell: Nur mit Strafen und Schimpfen kommen wir im Familienalltag nicht weiter. Damit geht es irgendwann allen schlecht. Effektiver ist es, aus dem Kampfmodus auszusteigen, das Kind einerseits und ständig liebevoll zu begleiten, ihm andererseits aber auch klare und sinnvolle Grenzen zu setzen.

Imlau macht in ihrem Buch klar: Ob das gefühlsstarke Kind nun zwei oder 15 Jahre ist, es verhält sich nicht so, um seine Eltern zu ärgern oder weil es Spaß an der Regelverletzung hat. Es schafft oft nur einfach nicht, die Erwartungen seines Umfelds zu erfüllen,  weil diese im Widerspruch zu seinem Wesen stehen.  Still sitzen und sich an Regeln halten müssen prallen auf Bewegungsdrang, Kreativität und schnelle Reizüberflutung. Beim Vortrag im studio dumont ging es auch um das Thema ADHS, denn manchmal - aber nicht immer -  steckt hinter den gefühlsstarken Symptomen beim Kind auch eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung.

Grenzen setzen - aber richtig

Kinder, die wild und fordernd sind, werden oft nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen. Auch Familienfeiern und Restaurantbesuche werden nicht selten zur Großkampf-Sache. Gefühlsstarke Kinder merken häufig, dass sie sich selbst im Weg stehen. Und wissen gleichzeitig nicht, was sie dagegen tun können.  

Nora Imlau hat schon verschieden Eltern-Ratgeber veröffentlicht, sie steht wie kaum eine andere deutsche Autorin für die Bewegung der bedürfnisorientierten Erziehung, des Attachment-Parenting. Dazu gehört vor allem: Stillen, Tragen, Nähe geben. Dabei betont sie aber immer wieder ganz klar, dass Liebe nicht gleichzeitig Selbstaufgabe bedeutet. „Nicht nur die Bedürfnisse der Kinder sind wichtig, sondern auch die der Eltern. Wenn sich Eltern opfern, ist das nicht gesund. Es braucht eine gute Balance. Auch ich würde sonst als Mutter von vier Kindern untergehen.“    

Vorgestern ist nun „Du bist anders, du bist gut“ erschienen. In Nora Imlaus neuem Buch geht es um die gefühlsstarken Kinder ab dem Schulalter. Denn mit den eigenen Emotionen zu kämpfen zu haben, das ist keine Phase, die irgendwann vorbei geht. Das Thema begleitet Eltern und Kinder bis in die Pubertät hinein und darüber hinaus. „Dabei sinkt das Verständnis im Umfeld, je älter die Kinder werden.“ Ein Kleinkind, das wütet, erscheint vielen Erwachsenen normal. Ein 10-Jähriger, der nach einer verlorenen Partie Mensch-Ärger-Dich-Nicht ausflippt und herumschreit, wird weitaus kritischer beäugt.  

Gefühlsstarke Kinder gab es immer schon

In ihren Vorträgen und Büchern verdeutlicht die Journalistin, dass es Kinder mit großen Emotionen und wildem Temperament immer schon gab. Dass Gefühlsstärke keine Krankheit ist, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Und wie genau sich dieses entwickelt, hängt vor allem von den Erfahrungen ab, die das Kind macht. „Je gefühlstärker es ist, desto beeinflussbarer ist es auch. Das Umfeld ist  hier noch entscheidender als bei regulationsstarken Kindern.“

Eltern haben also viel Einfluss und gleichzeitig eine riesige Verantwortung. Nicht wenige brennen aus bei dieser Aufgabe. Oder flippen immer wieder selbst aus. Dabei ist ein wertschätzendendes und gewaltfreies Elternhaus vor allem für Kinder mit großen Emotionen wichtig. „Gewalt zu erleben ist für alle Kinder schlimm, doch bei gefühlsstarken Kindern sind Auswirkungen besonders gravierend, weil sie sie besonders intensiv wahrnehmen und ihr weniger innere Widerstandskraft entgegen setzen können.“ 

Gut mit starken Emotionen umgehen - wie geht das?

Statt Gewalt und Abwertungen brauchen gefühlsstarke Kinder Eltern, die ihnen zeigen, wie ein gesunder Umgang mit Emotionen aussehen kann. Mütter und Väter, die über die gesamte Kindheit und Jugend nah an ihnen dran bleiben, sich Zeit und Raum nehmen. Bei kleinen Kindern können Eltern viel über die körperliche Ebene bewirken, das Kind festhalten und in den Arm nehmen, wenn der Sturm der Emotionen über es hinwegfegt.

Bei Teenagern ist das schwieriger, die wollen nicht mehr bekuschelt werden. „Wenn der 12-Jährige nach Hause kommt, in sein Zimmer stürmt und die Tür hinter sich zuknallt, macht es einen riesigen Unterschied, ob ich selbst wütend werde, oder eine Atmosphäre der Ruhe schaffe und signalisiere: Es ist ok, dass du wütend bist. Wenn du danach zu mir kommen willst, kannst du das tun. Ich bin nicht nachtragend und werde dich auch nicht belehren. Deine Gefühle dürfen sein und wir können sie uns später zusammen anschauen“, sagt Nora.  Wenn gefühlsstarke Kinder liebevoll begleitet werden, können sie sogar eine sanftere Pubertät als andere erleben, da sie ja schon jahrelange Erfahrung haben im Umgang mit großen, wilden Emotionen.

Die Achterbahnfahrt wird sanfter. Aber sie hört nie ganz auf 

Wann hört das denn endlich auf mit den täglichen großen Dramen? Diese Frage stellten sich viele betroffene Eltern beim Vortrag in Köln. Ein wenig konnte die Autorin ihnen Mut machen: „Die großen Gefühle werden mit dem Heranwachsen sanfter, wenn der Neokortex sich entwickelt, der Frontallappen im Gehirn.“  Aber sie hören nie ganz auf. „Meine Tochter springt wie ein Flummiball von einer intensiven Emotion in die nächste. Jede Freude ist überschießend, alles Traurige ist ein riesiges Drama. Sie kämpft sehr oft mit sich, der Alltag ist fordernd und turbulent.“ Nora Imlau und ihr Mann sind auch heute noch beschäftigt damit, ihrer Tochter zu helfen ihre großen Emotionen aushalten zu können. Dadurch werden viele Eltern selbst mit ihren eigenen negativen und abgelehnten Emotionen konfrontiert. „Ein gefühlsstarkes Kind zu haben, ist wie eine Therapie zu machen, die man gar nicht gebucht hat“, fasst Imlau es zusammen.

Gefühlsstarke Kinder sind gute Lehrmeister im Umgang mit den eigenen Emotionen

Die Bezeichnung „gefühlsstark“ dürfe von Eltern aber auch nicht als Entschuldigung missbraucht werden. „Mein Kind ist eben gefühlsstark, deswegen hat es deins verprügelt“, so funktioniert das nicht. Wie alle Menschen brauchen auch Kinder Grenzen. Eltern sollten diese klar vertreten, ohne dabei die Gefühle des Kindes zu verletzen und ohne in manipulative Erziehungsspielchen abzugleiten. Es ist besser zu sagen: „Ich will dass du in einem freundlichen Ton mit mir sprichst“ als „Wenn du weiter rummaulst, ist Fernsehen heute Abend gestrichen.“ 

Kinder benötigen Grenzen nicht um der Grenzen willen, sondern um zu lernen, dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben.  „Doch die wenigsten Erwachsenen haben gelernt, für ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen“, sagt Nora Imlau. „Und genau dahin bringt uns ein gefühlsstarkes Kind.“ 

 

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